Monatsausblick

Energieautarkie im Zeitalter der Krisen

Der Krieg in Iran hat erneut das Problem in Bewusstsein gerufen, ob man sich auf Ressourcen aus Kriegsgebieten verlassen sollte. Doch die Elektrifizierung lässt trotz der geopolitischen Ereignisse nicht nach, sagt Multi-Asset-Anleger Colin Graham.

Autoren/Autorinnen

    Head of Multi Asset & Equity Solutions, Co-Head Investment Solutions

Zusammenfassung

  1. Der Golfkonflikt unterstreicht, wie wichtig nationale Energieautarkie ist
  2. Große regionale Unterschiede beim Investitionsniveau, China treibt Souveränität am stärksten voran
  3. Elektrifizierung als langfristige Lösung für vollständigen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen

Die Schließung der Straße von Hormus führte zu einem erneuten Anstieg der Öl- und Gaspreise, nachdem diese bereits während des Ukraine-Kriegs und der COVID-19-Pandemie sprunghaft angestiegen waren. Während die Elektrifizierung an Fahrt gewinnt und erneuerbare Energien schnell ausgebaut werden, ist die Welt nach wie vor auf Benzin und Kerosin sowie auf fossile Brennstoffe angewiesen, die in Düngemitteln, Kunststoffen und Kleidung Verwendung finden. Sie ist ebenso auf die für die Elektrifizierung benötigten kritischen Mineralien angewiesen.

„Die Energielandschaft verändert sich durch wiederkehrende Krisen – geopolitische Turbulenzen, schwankende Brennstoffpreise und die steigende Nachfrage nach Elektrifizierung in den Bereichen Verkehr, Gebäude und Dateninfrastruktur“, kommentiert Graham, Head of Multi-Asset Solutions bei Robeco.

„Dieses Umfeld hat zu einem grundlegenden Umdenken darüber geführt, wie Energieautarkie in einer modernen, vernetzten Wirtschaft aussehen kann. In der Vergangenheit wurde Energiesicherheit durch den Zugang zu physischen Öl- und Gasreserven definiert. Heute hat sich dies zu der Fähigkeit gewandelt, Strom mithilfe heimischer Infrastruktur, Energiequellen und Technologien zu erzeugen, zu speichern und zu verteilen.“

„Folglich hängt die Energiesicherheit durch Elektrifizierung auch von einer größeren Bandbreite kritischer Mineralien ab, die sich geografisch oder politisch nicht immer an den am leichtesten zugänglichen Orten befinden.“

„Wind- und Solarenergie erfordern Metalle der Seltenen Erden, während Elektrofahrzeuge Lithium und Kobalt für ihre Batterien benötigen und der Ausbau der Netzkapazitäten auf Kupferkabel angewiesen ist. Energieautarkie umfasst weitaus größere Anforderungen als nur fossile Brennstoffe.“

Smart Energy D EUR

performance ytd (31-3)
15.48%
Performance 3y (31-3)
15.00%
morningstar (31-3)
5 / 5
SFDR (31-3)
Article 9
Ertragsverwendung (31-3)
No
Fonds ansehen
Frühere Wertentwicklungen, Simulationen oder Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung.Annualisiert (für Zeiträume, die länger als ein Jahr sind). Die Performance-Zahlen sind abzüglich Gebühren und basieren auf den Transaktionspreisen.

Der Wettlauf um die Unabhängigkeit

Energieautarkie zu erreichen, genießt mittlerweile in den drei größten Wirtschaftsmächten der Welt – China, der EU und den USA – Priorität, verläuft jedoch, wie aus Tabelle 1 hervorgeht, in unterschiedlichem Tempo.

Im Jahr 2025 investierte China im Inland 800 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien, darunter den Bau eines Solarparks von der Größe der Stadt Paris. In den vergangenen fünf Jahren beliefen sich die Gesamtausgaben auf über 3 Billionen US-Dollar. In der EU und den USA betrugen die Investitionen nur etwa die Hälfte dieses Betrags.

Tabelle 1: Investitionen in erneuerbare Energien und Energiesouveränität (in Mrd. USD)

Quellen: BloombergNEF Energy Transition Investment Trends (2024/2025), IEA World Energy Investment Reports, und der Clean Investment Monitor, Mai 2026.

„Chinas Ansatz zur Energiesouveränität ist eng mit den industriellen Kapazitäten in der Wertschöpfungskette der Elektrifizierung verbunden“, bemerkt Graham. „Über den raschen Ausbau erneuerbarer Energien hinaus beruht Chinas strategischer Vorteil auf der Kontrolle über Produktionsökosysteme und der Fähigkeit, Netzausrüstung in großem Maßstab bereitzustellen, beispielsweise durch die Entwicklung von Hochspannungsübertragungsnetzen, Komponenten für das Energiemanagement und Energiespeichersystemen.“

„Das Ausmaß und das Tempo dieses Wandels wurden durch die Verfügbarkeit von kritischen Mineralien, verbunden mit einer gezielten Politik der vertikalen Integration von Lieferketten und Raffination, unterstützt. China ist jedoch nach wie vor auf den Import von Rohstoffen wie Kobalt (95 %), Nickel (90 %) und Eisenerz (80 %) angewiesen.“

„Diese Prozesse haben die Widerstandsfähigkeit im Inland gestärkt, während gleichzeitig wichtige Komponenten in die EU und die USA exportiert wurden und die Einbindung in globale Lieferketten erhalten blieb.“

Ein Hoch auf die Schieferindustrie in den USA

Die USA haben sich verstärkt darauf konzentriert, ihre eigenen fossilen Brennstoffe zu fördern und zugleich Technologien für saubere Energie zu entwickeln. „In den späten 2000er Jahren verfolgten die USA eine gezielte Industriepolitik, um ihre Energieautarkie zu stärken, was zu einem Boom bei der Förderung von Schieferöl und -gas führte“, erklärt Graham.

„Danach hat sich die US-Politik zunehmend auf den Elektrifizierungsbereich konzentriert: die heimische Fertigung von Komponenten für saubere Energien, die Modernisierung des Stromnetzes sowie die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten für Speicher- und Leistungselektronik.“

„Ein Großteil der benötigten kritischen Mineralien wird allerdings überwiegend aus China importiert, darunter raffinierte Seltene Erden, Mangan und Naturgraphit. Daher fokussiert sich die US-Politik darauf, diese Mineralien im eigenen Land zu fördern und zu gewinnen.“

„Mit dem Aufkommen energieintensiver Rechenzentren, die den Vorsprung der USA im KI-Wettlauf bewahren sollen, wird die Selbstversorgung mit Mineralien und Energie immer wichtiger.“

Gemischtes Bild in der EU

In der EU hingegen bietet sich ein gemischtes Bild, was zum Teil auf die Abneigung gegen die weitere Nutzung fossiler Brennstoffe und den Rückzug aus der Kernenergie zurückzuführen ist. „Zwar kann die EU für sich beanspruchen, dass ihre Energieeffizienz weitaus stärker gestiegen ist als die der USA und Chinas, doch bleibt die Wirtschaft zwischen den Stühlen, und das Investitionsniveau spiegelt diese Position wider“, so Graham.

„Das liegt daran, dass die Schiefergasvorkommen aufgrund bürokratischer Hindernisse nicht erschlossen wurden, sondern stattdessen eine Wirtschaft aufgebaut wurde, die von einstmals billigem Importgas abhängig ist, anstatt Kapital für Technologien im Bereich der erneuerbaren Energien bereitzustellen und ein Stromnetz für die gesamte Eurozone aufzubauen.“

Im Jahr 2024 stammten knapp 50 % der Stromerzeugung in der EU aus erneuerbaren Energiequellen, wobei ein Großteil der dafür benötigten Anlagen im Ausland hergestellt wurde. 90 % der Solarmodule stammen aus China.

„Gefährlich abhängig“

„Die EU ist weiterhin in gefährlicher Weise von China abhängig, was Rohstoffe und verarbeitete kritische Mineralien angeht, wobei der Löwenanteil an Seltenen Erden, Magnesium, Kobalt und Lithium aus der Volksrepublik importiert wird“, warnt Graham.

„Grundsätzlich ist die EU-Wirtschaft zwar widerstandsfähiger gegenüber Energieschocks, aber anfälliger für Engpässe bei Erdgas und raffinierten Erdölprodukten.“ Dies geht aus Tabelle 2 hervor, die veranschaulicht, dass die EU nur über geringe Kapazitäten zur Speicherung von Erdgas verfügt, während ihre Anfälligkeit gegenüber Engpässen bei Kerosin hoch ist.

Tabelle 2: Vorräte an Erdöl, Erdgas und Kerosin

Quelle: Internationale Energieagentur, April 2026.

Dekarbonisierung kann helfen

Graham ist der Ansicht, die langfristige Lösung liege darin, energieeffizienter zu werden, um weniger Energie zu verbrauchen, sei es in Form von Strom oder fossilen Brennstoffen.

„Die Effizienz auf der Nachfrageseite ist einer der direktesten Wege zur Energieautarkie, und wir können bestätigen, dass Elektrifizierungstechnologien wie Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen im Endverbrauch etwa zwei- bis viermal energieeffizienter sein können als ihre fossilen Alternativen“, bemerkt er.

„Für energieimportierende Länder ist dieser Effizienzgewinn von strategischer Bedeutung: Durch die Verringerung des Primärenergiebedarfs wird die Widerstandsfähigkeit dieser Länder gegenüber Schocks im Bereich der Energieimporte gestärkt.“

Holen Sie sich die neuesten Einblicke

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um aktuelle Anlageinformationen und Analysen durch Sachverständige zu erhalten.

Nicht verpassen

Wandel nicht mehr optional

„Insgesamt untermauern die Krisen und Schocks der letzten Jahre die Erkenntnis, dass Länder ihre Abhängigkeit von externen Quellen für Energie und kritische Mineralien verringern müssen“, hebt Graham hervor.

„Die Energiewende ist längst kein optionales Umweltprojekt mehr, sondern eine Neugestaltung des Systems, die sich auf die nationale Sicherheit, die Erschwinglichkeit und die Wettbewerbsfähigkeit auswirkt“, kommentiert er.

„Mit der zunehmenden Elektrifizierung verlagern sich die entscheidenden Herausforderungen auf Stromnetze, Energiemanagement, Speicherung und Effizienz – Bereiche, die sowohl strategisch sensibel als auch kapitalintensiv sind. Dies ist vielleicht die größte Investitionschance unserer Zeit. Die Straße von Hormus wird nicht benötigt, wenn der Energie- und Mineralienbedarf der eigenen Wirtschaft aus eigenen Quellen gedeckt wird.“